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Freitag, 17. Juni 2011

So viel Urlaub! Cees Nooteboom, Tourist


"Eines Tages habe ich meinen Rucksack gepackt, Abschied von meiner Mutter und den Zug nach Breda genommen, mich an der belgischen Grenze an den Strassenrand gestellt und den Daumen hochgestreckt. Und ich bin eigentlich nie mehr zurückgekehrt."

Und Cees Nooteboom reist immer noch, auch mit inzwischen fast achtzig Jahren. Warum? Einerseits lebt er davon. Zwar möchte er gerne als Dichter anerkannt werden, bekannt ist er aber vor allem als Reiseschriftsteller, besonders in Deutschland, dem Land seiner grossen Erfolge. Hier ist der Niederländer Nooteboom in den letzten Jahrzehnten zum meistgelesenen Reiseschriftsteller avanciert. Aber solch niedere, pekuniäre Motive sind eines Schriftstellers selbstverständlich nicht würdig. Nooteboom antwortet selbst auf die Frage, warum er reist, so auch im Buch"Geflüster auf Seide gemalt. Reisen in Asien", in dem Texte aus vier Jahrzehnten (70er-00er) versammelt sind. Letztlich kreist jeder dieser Texte, obwohl aus so verschiedenen Zeiten, um die eine Frage, warum Mijnheer Nooteboom reist. Immer wieder stellt er die Frage auch explizit und die Antwort bleibt sich stets gleich,

Donnerstag, 16. Juni 2011

Broder zur Funktionalisierung von Moral

Einfach weil's so schön ist, auch wenn hier mit etwas Verspätung: Henryk M. Broder zur anti-amerikanischen Moralisierung und dem Deutschen Gemüt, bzw. "Ihr feigen Deutschen seid passiv-aggressiv!". Humorlosigkeit hat er noch vergessen, wie diese Reaktion zeigt, die ansonsten Broder nur bestätigt.

Sonntag, 5. Juni 2011

Der postheroische Charakter

Der Soziologe und Psychoanalytiker Martin Dornes (Institut für Sozialforschung, Frankfurt) greift in seinem aktuellen Essay „Die Modernisierung der Seele“ in der Zeitschrift Psyche eine Frage auf, die in umfassender Form zuletzt von Adorno und seinen kalifornischen Kollegen im Rahmen der Studies in Prejudice bearbeitet wurde: Die Frage nach der epochentypischen psychischen Grundverfassung der gegenwärtigen Gesellschaft. Wie Subjektivität in der Gegenwart beschaffen ist, ist eine der zentralen Fragen der Soziologie und zugleich kaum bearbeitet. Dornes hat den Mut, diese Frage zu stellen und sie umfassend zu beantworten - das allein verdient Anerkennung.

Dornes beschränkt sich methodisch zunächst auf die Frage, wie sich die Vermittlung von Subjektivität durch Erziehung verändert hat und konstatiert hier einen Wandel zu einem „verhandlungsbasiertem Erziehungsstil“, der nicht mehr zu Gehorsam und Unterordnung führen soll, sondern Selbstständigkeit zum Erziehungsziel erklärt. Resultat dieses Erziehungsstils ist ein Charaktertypus, den Dornes als postheroisch bezeichnet und welcher durch eine ambivalente Struktur aus Freiheit und Verletzlichkeit charakterisiert ist. Der Typus heißt „postheroisch“, weil er sich „von einer ‚heroischen‘ Unterdrückung eigener Impulse ebenso verabschiedet hat wie von einem heroischen Aus- und Durchhalten einmal getroffener (Lebens-)Entscheidungen“ (p. 1009). Dieser neue Charakter ist „entkrampft“ und kann innere Widersprüche deutlicher wahrnehmen und zwischen den psychischen Instanzen sensibler vermitteln (Dornes spricht von einer „kommunikativen Verflüssigung des psychischen Apparats“). Gleichzeitig produziert diese „Entkrampfung“ auch ein höheres Maß an Unsicherheit und „Störanfälligkeit“.