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Freitag, 30. Dezember 2011

Bloodlust von Russell Jacoby


Der Historiker Russell Jacoby hat ein neues Buch mit dem Titel „Bloodlust. On the Roots of Violence from Cain and Abel to the Present“ veröffentlicht. Jacoby steht in der Tradition der Kritischen Theorie und hat einige Bücher zur Geschichte der Intellektuellen in den USA geschrieben. Außerdem versuchte Jacoby immer wieder die Verbindung von Psychoanalyse und Gesellschaftstheorie zu leisten, wie z. B. in seinem Buch Soziale Amnesie. Eine Kritik der konformistischen Psychologie von Adler bis Laing und in seiner Biografie des Psychoanalytikers Otto Fenichel Die Verdrängung der Psychoanalyse oder der Triumph des Konformismus. Sein neues Buch Bloodlust widmet sich dem gesellschaftlichen Phänomen der Gewalt und liefert dazu Erklärungen, die quer stehen zu denen des Alltagsbewusstseins und inzwischen auch zu denen der Akademie. Jacoby vertritt die These, dass Gewalt nicht entsteht, wenn Fremde aufeinander treffen, unterschiedliche Kulturen sich begegen oder das „Andere“ Unsicherheit und Furcht hervorruft - sondern im Gegenteil: Gewalt ensteht unter Gleichen: unter Nachbarn, unter Freunden und Bekannten und, vor allem, in der Familie.
„We want to believe that the persecuted are outsiders. How else can we explain what happens to them? We find it difficult to accept, that the persecuted are insiders or neighbours; this makes the story more uncomfortable. … The attack-the-foreigner explanation apprehends with ease other genocides. Why did the Serbs murder the Bosnians? Or the Rwandan Hutus murder Rwuandan Tutsis? No need to ask. Mutual hatred, we say. Yet the opposite may be closer to the truth. Serbs and Bosnians, and the Tutsis and Hutus lived together naively, without really knowing or caring who was who - for centuries. In the same way Jews lived in Germany with minimal fuss or notice. However, we prefer the notion of a primal hatred for primal strangers. This is psychologically easier to grasp and requires no introspection.“ (p. 110f)
Jacoby entnimmt der Geschichte Stichproben besonders gewalttätiger Ereignisse: die Bartholomäus-Nacht, Bürgerkriege, die Französische Revolution und die Judenvernichtung im Nationalsozialismus und zeigt an diesen Beispielen, wie gerade die schlimmsten Atrozitäten nicht an Fremden begangen wurden, sondern die Unterschiede der vermeintlich anderen zur Rationalisierung der Gewalt oft erst umständlich hergestellt wurden. Jacoby nutzt dazu das Freudsche Begriffsinstrumentarium, die Analyse des Unheimlichen und den Begriff des Narzissmus der kleinen Differenzen. Damit erreicht er eine Umkehrung der Perspektiven: die Fremden sind nicht mehr die anderen, sondern das eigene Unbewusste und nicht Fremdheit produziert Hass, sondern Gleichheit wirkt bedrohlich auf den Einzelnen. Jacoby liefert im besten Sinne Gegengift, zum kulturalistischen Mainstream, der die Unterschiede von Identitäten und Kulturen als Erklärung für alles mögliche präsentiert - ein unbedingt lesenswertes Buch, dem etwas mehr Aufmerksamkeit auch in Deutschland zu wünschen wäre. Hier kann man einen Blick in das Buch werfen. Zum Schluss ein Wort des Autors über sein eigenes Buch, das der Verlag bei Youtube eingestellt hat:

Sonntag, 9. Oktober 2011

Detlev Claussen über die Dialektik der Aufklärung

Im Schweizer Radio DRS 2 diskutiert DC in der Reihe "Denkstoffe - Aufstieg und Fall großer Theorien"  über die Bedeutung der Dialektik der Aufklärung. Hier geht's direkt zum Audiobeitrag.

Freitag, 7. Oktober 2011

Gedächtnisprobleme der Nation

Guido Knopp und das ZDF präsentieren auf einer Internetseite das sogenannte "Gedächtnis der Nation" - Interviews und kleine Geschichtsfilmchen, im typischen ZDF-Stil. Der Artikel Geschichte schreiben im Jahrhundertbus im Freitag erläutert den Hintergrund. In der Rubrik "Jahrhundertzeugen" findet sich ein langes Interview mit dem Kulturwissenschaftler (!) Herbert Marcuse, der nach ZDF-Informationen 1997 (!) gestorben ist, als einziger Kritischer Theoretiker in den USA blieb (!) und es in Deutschland nie lange aushielt (!). Vielleicht wäre "Vorurteile der Nation" ein besserer Titel für dieses dämliche Projekt gewesen. Das Video von Marcuse aber lohnt sich trotzdem.


Donnerstag, 8. September 2011

Die Kunst der Freiheit

In Wien gibt es vom 30. September bis zum 2. Oktober eine Konferenz über Adorno und Sartre. Hier ist die Konferenz-Homepage. Tipp: Immer auf das Bild klicken.

Donnerstag, 28. Juli 2011

Kreation und Depression

Das Buch „Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus“ von Christoph Menke und Juliane Rebentisch präsentiert eine Sammlung von Beiträgen, die versuchen, sich begrifflich der gegenwärtigen Form des Kapitalismus anzunähern oder wie es die Herausgeber formulieren:

„Im Zentrum des Bands steht ein Befund gegenwärtiger Gesellschaftskritik: Eigenverantwortung, Initiative, Flexibilität, Beweglichkeit, Kreativität sind die heute entscheidenden gesellschaftlichen Forderungen, die die Individuen zu erfüllen haben, um an der Gesellschaft teilnehmen zu können. Sie haben das alte Disziplinarmodell der Gesellschaft ersetzt, ohne dabei freilich die Disziplin abzuschaffen. An die Stelle einer Normierung des Subjekts nach gesellschaftlich vorgegebenen Rollenbildern ist der unter dem Zeichen des Wettbewerbs stehende Zwang zur kreativen Selbstverwirklichung getreten. Man gehorcht heute nicht mehr, indem man sich einer Ordnung unterwirft und Regeln befolgt, sondern indem man eigenverantwortlich und kreativ eine Aufgabe erfüllt. Im Blick auf häufig wechselnde ‚Projekte‘ sollen die Einzelnen ihren eigenen Neigungen folgen, um sich jeweils ganz – mit allen Facetten ihrer Pers önlichkeit – ‚einzubringen‘. Es scheint, dass sich Einstellungen und Lebensweisen, die einmal einen qualitativen Freiheitsgewinn versprachen, inzwischen so mit der aktuellen Gestalt des Kapitalismus verbunden haben, dass daraus neue Formen von sozialer Herrschaft und Entfremdung entstanden sind.“ (S.7)

Freitag, 1. Juli 2011

Konferenz-Dokumentation: Traditionalität und Aktualität. Zur Aufgabe kritischer Theorie

Im März fand in Marburg eine Konferenz aus Anlass des 100. Geburtstags von Heinz Maus statt - ein in Vergessenheit geratener Marburger Soziologe, der irgendwo zwischen Marxismus und Kritischer Theorie einzusortieren wäre. Insider kennen ihn als Herausgeber soziologischer Standardwerke im Luchterhand-Verlag (Marcuse, Löwenthal, Mannheim usw.).


Die Konferenz nahm aber Maus Geburtstag eher zum Anlass die Kritische Theorie auf ihre Aktualität hin zu befragen, zusammen mit unterschiedlichen Vertretern dieser Theorietradition. Die Konferenz stieß auf großes studentisches Interesse und es wurde lebhaft und kontrovers diskutiert - wer nicht dabei war kann die ganze Konferenz nun im Internet nacherleben und zwar hier.
Organisiert wurde die Tagung übrigens, wie sollte es anders sein, nicht vom Marburger Institut für Soziologie, sondern von einer studentischen Initiative.

Donnerstag, 16. Juni 2011

Marx-Mode

An der Humboldt-Universität fand Ende Mai eine große und internationale Marx-Konferenz statt mit dem Titel „Re-Thinking Marx. Philosophie, Kritik, Praxis“. Eine Fragestellung oder thematische Eingrenzung jenseits des Titels hatte die Konferenz nicht. Viele internationale Stars waren dabei - Balibar, Sassen, Honneth usw. Sowohl das Programm der Tagung als auch die meisten Konferenzberichte vermitteln den Eindruck einer überakademisierten und kaum an Gesellschaft und Geschichte interessierten Wissenschaftskonferenz. Hier eine Auswahl von Berichten über die Veranstaltung, die sehr gut besucht war und in vielen Zeitungen besprochen wurde:
Dass eine Marx-Konferenz so ein großes Interesse hervorruft, kann ein Hinweis darauf sein, wie groß das Interesse wäre eine kritische Gesellschaftstheorie des 21. Jahrhunderts aufzubauen. Die kritischen Konferenzberichte hingegen zeigen, wie wenig Jaeggi, Honneth und Co. dieses leisten.
Immerhin mindestens einer hat einen guten Vortrag gehalten: Moishe Postone spricht über "Marx's Critical Theory of Capitalist Modernity" - hier kann man den Vortrag online anhören.

Sonntag, 5. Juni 2011

Der postheroische Charakter

Der Soziologe und Psychoanalytiker Martin Dornes (Institut für Sozialforschung, Frankfurt) greift in seinem aktuellen Essay „Die Modernisierung der Seele“ in der Zeitschrift Psyche eine Frage auf, die in umfassender Form zuletzt von Adorno und seinen kalifornischen Kollegen im Rahmen der Studies in Prejudice bearbeitet wurde: Die Frage nach der epochentypischen psychischen Grundverfassung der gegenwärtigen Gesellschaft. Wie Subjektivität in der Gegenwart beschaffen ist, ist eine der zentralen Fragen der Soziologie und zugleich kaum bearbeitet. Dornes hat den Mut, diese Frage zu stellen und sie umfassend zu beantworten - das allein verdient Anerkennung.

Dornes beschränkt sich methodisch zunächst auf die Frage, wie sich die Vermittlung von Subjektivität durch Erziehung verändert hat und konstatiert hier einen Wandel zu einem „verhandlungsbasiertem Erziehungsstil“, der nicht mehr zu Gehorsam und Unterordnung führen soll, sondern Selbstständigkeit zum Erziehungsziel erklärt. Resultat dieses Erziehungsstils ist ein Charaktertypus, den Dornes als postheroisch bezeichnet und welcher durch eine ambivalente Struktur aus Freiheit und Verletzlichkeit charakterisiert ist. Der Typus heißt „postheroisch“, weil er sich „von einer ‚heroischen‘ Unterdrückung eigener Impulse ebenso verabschiedet hat wie von einem heroischen Aus- und Durchhalten einmal getroffener (Lebens-)Entscheidungen“ (p. 1009). Dieser neue Charakter ist „entkrampft“ und kann innere Widersprüche deutlicher wahrnehmen und zwischen den psychischen Instanzen sensibler vermitteln (Dornes spricht von einer „kommunikativen Verflüssigung des psychischen Apparats“). Gleichzeitig produziert diese „Entkrampfung“ auch ein höheres Maß an Unsicherheit und „Störanfälligkeit“.